Die 95 Prozent

FPÖ

Die Geschichte der FPÖ, oder: sechs Jahrzehnte voller „Einzelfälle“ und „Ausrutscher“

Eine FPÖ-Historikerkommission soll “braune Flecken” in der Partei aufspüren. Das ist überraschend einfach bei einer Partei, deren erster Chef ein SS-Obergruppenführer war. Bei uns erfährst du schon jetzt, was die Kommission alles entdecken wird – oder besser entdecken sollte!

„Die offiziellen Erklärungen der FPÖ von ‚Absage an den Extremismus‘ und ‚Partei der Mitte‘ entspringen dem Bedürfnis nach einer sehr notwendig gewordenen Tarnung“. Dieser Satz fiel nicht vergangene Woche, auch nicht im Nationalratswahlkampf letzten Herbst, und schon gar nicht zu Schwarz-Blau im Jahr 2000. Nein, der Satz ist 62 Jahre alt. Und er stammt auch nicht von einem „Linken“, sondern von Herbert Kraus, dem rechtsliberalen Chef der FPÖ-Vorgängerorganisation “Verband der Unabhängigen” (VdU).

Die „dunklen Kapitel der österreichischen Geschichte“ wolle man nie vergessen, schrieb die FPÖ vergangene Woche in einer „rot-weiß-roten Grundsatzerklärung“, in der sie natürlich auch den „importierten Antisemitismus“ hervorhob (nach Jahrzehnten voller Antisemitismus-Exportüberschuss aus Österreich). Eine „Historikerkommission“ soll nun „braune Flecken“ in der Partei aufspüren. Braun sind aber weniger die Flecken als das Fundament, auf dem die Partei aufgebaut wurde.

 

FPÖ beginnt mit “SS”

Schauen wir auf die ersten zwei Obleute der FPÖ. Da wäre zum einen SS-Brigadeführer Anton Reinthaller, nach dem Krieg wegen Hochverrats verurteilt, 1956 FPÖ-Parteichef geworden. Wie es sich gehört, war Reinthaller bis zu seinem Tod FPÖ-Obmann.

Landesbauernführer Donauland und SS-Oberführer. Charmant! Und Freiheitlich!

Dann übernahm Reinthallers “Ziehsohn”, der SS-Freiwillige Friedrich Peter, Angehöriger der besonders grausamen 1. SS-Infanteriebrigade, die in der Sowjetunion für tausende Morde verantwortlich war. Dass sich Kreisky 1970 vor ihn stellte – es ging um die blaue Unterstützung einer roten Minderheitsregierung – zeigt halt auch einmal mehr, was manche Sozialdemokraten für den Machterhalt in Kauf nehmen. (Gedankenspiel: Wäre der Rechtsextremismus-Bericht unter Rot-Blau wieder eingeführt worden?)

 

Nazis, Burschenschafter und Deutschtümelei

Gehen wir in die „Vorfeldorganisationen“: Der Ring Freiheitlicher Studenten, mitgegründet vom Rechtsextremen Norbert Burger. Der trat 1963 „freiwillig“ aus der FPÖ aus, als er in München wegen des rechtsextremen Terrors in Südtirol verhaftet worden war.

Zuvor hatte Burger die Burschenschaft „Olympia“ wiederbelebt, der heute so honorige Gestalten wie Martin Graf oder FPÖ-Klubdirektor Norbert Nemeth angehören (letzterer darf die Historikerkommission mit-“steuern“). 1992 verstarb Burger, dessen Tochter beim Begräbnis von ihrem Freund, einem jungen rechten Recken namens Heinz-Christian Strache, begleitet wurde.

Die FPÖ-nahe Aula: 1951 vom illegalen Nazi und späteren NS-Kulturpolitiker Josef Papesch (Regierungsdirektor Kultur und Erziehung in der Steiermark) mitgegründet. Der trat 1944 zwar aus der NSDAP aus, weil seine behinderte Tochter von der SS ermordet wurde; dem „Völkischen“ blieb er aber treu. Freiheitliche Akademikerverbände, Ring freiheitlicher Jugend (dessen Bundeslied eigentlich für die Hitlerjugend gedichtet worden ist): Die Leier bleibt immer die gleiche: ehemalige Nazis und Deutschtümelei.

Aber, aber: Das ist ja schon Jahrzehnte her, wird man hören. Und: Auch SPÖ, ÖVP und KPÖ buhlten um ehemalige Nazis. Das stimmt schon. Ein Blick auf den Bundesparteivorstand der FPÖ zeigt jedoch, wie kontinuierlich die braune Brühe von 1945 bis 2018 geflossen ist.

 

Hazeh

Nehmen wir den Vizekanzler und Parteichef: Strache war in den 1980er-Jahren bei Wehrsportübungen, nahm an einem Treffen der Wiking-Jugend und 1990 an einer Veranstaltung von „Nein zur Ausländerflut“ teil – dort kandidierte Gerd Honsik, wiederum ein enger Freund von Norbert Burger, Straches Fast-Schwiegervater.

Straches Stellvertreter:

  • Manfred Haimbuchner würdigte noch 2016 den ersten FPÖ-Obmann, SS-Brigadeführer Reinthaller.
  • Johann Gudenus: Grinste laut “profil”, als sein Vater John bei der Verhandlung wegen NS-Wiederbetätigung auf ein Foto von KZ-Häftlingen replizierte, dass „die eh gut ausschauen, da schau ich dagegen schlecht aus“.
  • Harald Stefan: Sagte 2008 zum SPIEGEL, er mache einen Sekt auf, „wenn der israelische Botschafter nicht mehr in Wien ist“.
  • Norbert Hofer: Engster Vertrauter ist Rene Schimanek (Kabinettschef), der in den 1980ern mit dem mehrfach verurteilten Neonazi Küssel demonstrierte.
  • Mario Kunasek: Traf sich erst vor anderthalb Jahren mit Neonazis und Rechtsextremen in der Steiermark.

 

Historikerkommission: Mission Impossible

In der FPÖ verdreht man immer die Augen, sobald ausländische Medien darauf hinweisen, dass die Partei von Ex-Nazis gegründet worden ist. Nimmt die Historikerkommission ihre Arbeit ernst, wird in ihrem Bericht aber nichts Anderes stehen – wenn das die Steuerungsgruppe voller Korporierter zulässt.

Und was passiert eigentlich dann? Wird die Vita von Strache untersucht? Schaut man sich an, mit wem Strache und Kunasek in der Steiermark zu Abend gegessen haben (Spoiler: mit Identitären und anderen Rechtsextremen)? Oder dreht man die Kommission ab, sobald sie sich den 2000er-Jahren nähert?

Erst einmal spielt man auf Zeit. So eine ordentliche Durchleuchtung von 62 Jahren voller Neonazis, Rechtsextremer und Ewiggestrigen kann schon dauern. Bis dahin wird die FPÖ weiter so tun, als wäre sie eine „ganz normale“ Partei; der ÖVP-Reichenpartei den Buckel machen und Ablenkungsmanöver starten – wenn der nächste „Einzelfall“ aufpoppt.

 

♥ ♥ ♥ ♥  (22.02.2018, abfab) ♥ ♥ ♥ ♥

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